Lesegeister und Schreibvirus

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Damit die Lesegeister im Frühling erwachen, braucht es das Schreibvirus: es zeigt sich, wenn Menschen schreiben und schreiben und einfach nicht mehr aufhören können mit dem Schreiben – und dem Erzählen:

Niall Williams. Die Geschichte des Regens.
Ein hinreißend schönes Buch für alle, die Irland, den Regen und Familiengeschichten lieben: Ruth ist 19 und krank. Sie liegt den ganzen Tag in ihrem Bett unter der Dachschräge, hört dem Regen zu und liest sich durch die knapp viertausend Bücher, die ihr Vater hinterlassen hat. Gleichzeitig erzählt sie die Geschichte der Swains, ihrer durch und durch verrückten Familie:

Vom Urgroßvater Absalom, dem sein Sohn Abraham lieber in der Hölle als in Irland gewesen wäre. Vom Großvater Abraham, der anstatt an Gott an den Lachs glaubte. Von ihrem Vater Virgil, der – obwohl im Herzen Seefahrer – Bauer wurde und nachts Gedichte schrieb, die nie wer lesen durfte. Und von ihrer Mutter Mary, die immer nach Brot duftet, die Familie ernährt und die Stärkste von allen ist. Währenddessen tost der Shannon und der Regen strömt und die Worte von Ruth werden zu einem mächtigen (Erzähl)fluss, der Euch bestimmt davon trägt.

Ein berührendes, lebensweises Buch und eine große Liebeserklärung an die Kraft der Literatur – es wurde im angelsächsischen Raum hymnisch besprochen und war auf der Longlist des renommierten Booker-Preises!
Im DVA Verlag um 23,70 Euro.

Hanns-Josef Ortheil. Der Stift und das Papier
In seinem neuen Roman greift Hanns-Josef Ortheil auf seine eigene außergewöhnliche Biographie zurück: als Kind spricht er nicht und lernt deshalb kaum schreiben. Wie er das dann doch schafft und nicht nur Schriftsteller, sondern auch Professor für Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim, wird, davon erzählt dieses Buch.

Als Hanns-Josef Ortheil 8 Jahre alt ist, gründet sein Vater in seiner Jagdhütte in Westerwald für seinen Sohn eine Schreibschule, in der sie Bild- und Sprachmaterial erschaffen: sie zeichnen Buchstaben und ziehen Linien, verarbeiten Nachrichten, kleine Erlebnisse aus Haus und Garten und nehmen sich andere Bücher als Inspiration. Später steigt auch die Mutter in die Schreibschule ein und lehrt ihren Sohn, der später Klavier studieren wird, über Musik zu schreiben. Von diesem Moment an schreibt Hanns-Josef Ortheil jeden Tag, in der Jagdhütte und in der Besenkammer in der elterlichen Wohnung in Köln: er wird das Kind, das schreibt.

Ein ungewöhnliches Buch, so ungewöhnlich wie dieser Weg, schreiben zu lernen – mit vielen Ideen für Kinder und Erwachsene. Mein Tipp: Häppchenweise wie ein Tagebuch lesen, so folgt man dieser Schreibreise, die zwischendurch Längen hat, am besten.
Im Luchterhand Verlag um 22,70 Euro.

Lasha Bugadze. Der Literaturexpress
100 Schriftsteller treten eine Reise quer durch Europa an. Kaum ist der Zug losgefahren, bricht auch schon das Schreibvirus aus: sie klappen Laptops und Notizbücher auf und schreiben. Denn am Ende der Reise steht ein Wettbewerb, den alle Schriftsteller gewinnen wollen. Und so schreiben sie nicht nur, sie korrigieren, reden über ihre Themen und lesen sich ihre Texte gegenseitig vor.

Alle im Literaturexpress sind also schreibverrückt, nur nicht Zaza, ein junger Autor aus Georgien. Warum, fragt er sich, wurde er auf diese Reise eingeladen? Er hat seit Monaten nichts geschrieben und ist auch sonst frei von Ambitionen. Sein schmaler Erzählband wurde zwar mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, aber sonst kaum beachtet. Die eifrigen Diskussionen darüber, welches Thema sich wohl am besten verkauft und das ewige Duell zwischen Prosaisten und Lyrikern findet er langweilig. Stattdessen heftet er sich lieber an die Fersen von Helena, die mit einem polnischen Autor verheiratet ist, der lautstark mit ihr streitet, ständig zu tief ins Glas schaut, aber Zazas Erzählungen ins Polnische übersetzen will. In Zazas Kopf bricht ein Chaos aus, das von Station zu Station größer wird …

Ein rasanter Roadmovie durch Europa, eine komplizierte Liebesgeschichte und eine herrlich komische Satire über den Literaturbetrieb mit einem verblüffenden Ende!
In der Frankfurter Verlagsanstalt um 24,70 Euro.

Lesestoff im Frühling: Niall Williams, Hanns-Josef Ortheil und Lasha Bugadze schreiben übers Schreiben und erwecken unsere Lesegeister.

Lesestoff im Frühling: Niall Williams, Hanns-Josef Ortheil und Lasha Bugadze schreiben übers Schreiben und erwecken unsere Lesegeister.