Viermal um die Welt

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Das ist der Lieblingssport aller Leserinnen und Leser im Sommer: einfach stundenlang den Zeigefinger bewegen. Mit diesen vier Büchern gelingt das Umblättern der Seiten am schönsten und schnellsten.

Petteri Nuottimäki. Rechne immer mit dem Schlimmsten
Eine herrlich schräge Familiengeschichte mit einem schrulligen Patriarchen im Mittelpunkt und einer Nachkommenschaft, die listig eigene Wege geht.

Matti Aalto stammt von einer langen Ahnenreihe tapferer Finnen ab und erhielt von seinem Vater einen wichtigen Rat: Ein Aalto hält sich immer schön im Mittelfeld. Eine Zeitlang gelingt das Matti ganz gut. Als er im Finnischen Winterkrieg kämpfen soll, wird er zu einer gemütlichen Ausbildung nach Frankreich geordert und wie er den Fort­setzungs­krieg überstand, hat er niemandem erzählt. Ähnlich heimlich hält er es mit dem Holzscheit, das ihm sein Vater bei einer gemeinsamen Sauferei übergab und in das angeblich der Lageplan zu einem vergrabenen Schatz eingeritzt ist.

Als Matti mit seiner Frau von Finnland nach Schweden aus­wandert, muss er sich aber doch noch beweisen. Zur Sicherheit nimmt er das Holzscheit mit. Es scheint ihm Glück zu bringen, denn Matti baut sich in Schweden schnell ein neues Leben auf. Er macht sich als Verkäufer für nützliche Insekten zur Schäd­lings­bekämpfung in der Forstindustrie selbstständig und versucht, sich an seine neue Heimat zu gewöhnen. In einem wichtigen Punkt bleibt er jedoch seinen finnischen Ahnen treu: Nur ja die Nach­kommen­schaft nicht verweich­lichen lassen, denn schließlich geht es im Leben ja um mehr, als Kaugummi zu kauen. Irgend­etwas scheint bei seiner Erziehung trotzdem schiefzu­laufen: Sein ältester Sohn verbringt zu viel Zeit in den Spielhallen der Stadt, seine Tochter hat eine zu große Vorliebe für klein­kriminelle Männer und sein jüngster Sohn Antti will sogar Schrift­steller zu werden! Wer, zum Teufel, soll denn die Insektenfirma übernehmen, wenn Matti bald nicht mehr da ist? Und was ist mit der Schatzsuche, für die er das Holzscheit seines Vaters nach Schweden emigriert hat? Bald ist Matti eines klar: Alles kommt anders und zwar immer und nicht immer schlimmer!

Ein Bücherausflug in das Leben einer finnenschwedischen Familie in den 1970er Jahren: skurril, witzig, abenteuerlich, nachdenklich und wunderbar leichtfüßig!
Im HarperCollins Verlag um 18,50 Euro.

Thomas de Padova. Nonna
Ein Sommer in Apulien… In der flirrenden Hitze und den engen Straßen von Mattinata… Wenn die Siesta alles ruhig werden lässt und endlich Zeit ist, eine wahre Geschichte zu erzählen – die von Nonna.

Seit Kindheit an verbringt Thomas de Padova seine Sommerferien in einem Dorf in Apulien, dem Geburtsort seines Vaters, Groß­vaters und Urgroß­vaters – die alle drei irgendwann ihre Koffer packten und Mattinata verließen. Nur Nonna, seine Großmutter, blieb hier und wartet jeden Sommer auf ihren erwachsenen Enkel: in ihrem kleinen Haus am Ende der steilen Dorfstraße, immer in Schwarz gekleidet, still auf einem Stuhl sitzend und schweigsam. Doch eines Sommers beginnt sie zu erzählen.

Von ihrer Kindheit und der Feldarbeit mit ihrem Vater weit entfernt vom Dorf. Von den zwei Urgroßvätern, die nach Amerika auswanderten – um wieder zurückzukommen. Warum sie keinen Kühlschrank will oder von ihrer Theorie, wie Jesus durch eine spezielle Pforte in den Himmel gekommen ist. Wie sie ihren Mann kennenlernte und mit ihm nächtelang nur redete und redete. Warum aber auch er weg ging und sie in Mattinata alleine ließ. Und weshalb sie schwarz trägt – auch schon lange vor dem Tod ihres Mannes und seit sich ihr Enkel an sie erinnern kann.

Das richtige Buch für einen langen Sonnentag am Meer: ruhig und langsam im Erzählton, in Atmosphäre hell, flirrend und dunkel zugleich. Und immer wieder neue Wellen einer Lebensgeschichte an Land spülend, die von einem längst vergan­genen Italien erzählt, in dem strikte Regeln alles im Dorf bestimmten. Der erste Roman des Sachbuch-Autors Thomas de Padova ist eine kleine Schatz­kammer – bitte Zeit nehmen und lesen!
Im Hanser Literaturverlag um 18,50 Euro.

Jochen Missfeldt. Sturm und Stille
Die bewegende und wahre Liebesgeschichte des Dichters Theodor Storm und seiner zweiten Frau Doris Jensen – eindrucksvoll als Roman erzählt und dabei faktentreu.

Sommer in der Hafenstadt Husum in Nordfriesland: schönes Wetter auf den Kirchturmspitzen, blau der Himmel, hell die Sonne und darunter die Mädchen aus dem Gesangsverein, den der Dichter Theodor Storm leitet und der dem dänischen König nun ein Ständchen bringt. Mittendrin: Doris Jensen, aufgeregt, fröhlich lachend, hübsch, fast noch ein Kind. Weil ihr Vater mit Storm befreundet ist und sie den elf Jahre älteren Dichter seit früher Kindheit an kennt, ist sie ihm gegenüber ganz unbefangen. Dieser jedoch sieht Doris an diesem Sommertag plötzlich mit anderen Augen und begleitet sie nach der Vorführung nach Hause. Doris ist sechzehn, er achtundzwanzig und verlobt. Trotzdem entflammt zwischen den beiden eine leidenschaftliche Liebe, die ein Leben lang anhält.

Trotzdem heiratet Storm seine Verlobte, die bald vom Verhältnis ahnt. Als ihr erstes Kind unterwegs ist, wird die Ménage-à-trois eine große Belastung für alle Beteiligten und ein Rat aus allen drei betroffenen Familien entscheidet, dass Doris die Stadt verlassen muss. Sie fügt sich und tritt eine fünfzehnjährige Wanderschaft an, die sie von einer befreundeten Familie zur anderen durch ganz Deutschland führt. Über all die Jahre hält sie in ihrem Herzen an Theodor Storm fest und auch bei ihm flammt die Liebe immer wieder neu auf. Als Storms Frau bei der Geburt eines Kindes stirbt, kehrt Doris Jensen nach Husum zurück und kann den Dichter endlich heiraten.

Jochen Missfeldt erzählt diese Liebesgeschichte auf Basis von historischen Briefen, Storms Novellen und Gedichten, mit Nachempfindung und lyrischer Sprachgewalt. Die nordfriesische Landschaft, Wetter, Meer, Sturm und Stille machen die romanhafte Biographie darüber hinaus zum eindrucks­vollen Lesevergnügen.
Im Rowohlt Verlag um 22,70 Euro.

Andrew Sean Greer. Mister Weniger
Die Lovestory und Selbsterkundung des Mister Weniger ist herrlich selbstironisch und wurde heuer zu Recht mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet!

Eigentlich müsste es um Arthur Weniger gar nicht so schlimm stehen. Da sitzt er am Beginn des Buches in einem Plüschsofa in einer Hotellobby – im schnittigen Anzug und mit jungenhafter Pose, das eine Bein über das andere geschlagen und fast fällt sein baumelnder Slipper von der Fußspitze. Doch wenn man genau hinsieht, merkt man auch, dass sein Haarschnitt aus der Form geraten ist, seine Augen zu wässrig sind und Mister Weniger nervös durch die Lobby schaut. Warum? Weil er auf der Flucht ist! Vor kurzem hat Arthur Weniger erfahren hat, dass Freddy, seine Langzeitaffäre, einen anderen heiratet und dass der andere will, dass Freddy ihm treu ist. Also nimmt Mister Weniger, der Schriftsteller von Beruf ist, jede Einladung an, die ihm in die Finger kommt. Er reist zu einem Kongress nach Mexiko City, zu einer Preisverleihung nach Turin, nimmt eine Gastprofessur in Berlin an und, und, und… Er knutscht auf einer Party in Paris, betrinkt sich in der Wüste Marokkos, recherchiert in Japan und versucht, in Indien an seinem Roman zu schreiben… Dabei trifft er überall liebe und weniger liebe Bekannte, denkt darüber nach, was es bedeutet, bald fünfzig zu werden und kann – verflixt! – nirgendwo seinen Freddy vergessen. Bei Freddy aber entwickeln sich die Dinge zuhause anders als gedacht...

Ein hinreißend komischer Trip um die Welt mit einem entzückenden Helden, der ganz unterwartet in eine Lovestory fällt – siehe Buchcover. Prädikat: sehr empfehlenswert!
Im Fischer Verlag um 22,70 Euro.

 

Emily Fridlund. Eine Geschichte der Wölfe

Petteri Nuottimäki. Rechne immer mit dem Schlimmsten

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