Wonnebücher

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Der neue Lesestoff passt wunderbar in den Frühling. Denn alle drei Debütromane haben so viel Kraft, Schönheit und Poesie wie diese Jahreszeit.

Emily Fridlund
Eine Geschichte der Wölfe

Ein Debüt mit selten großer Kraft und starkem Erzählsog zu einem großem Thema:

Linda wächst an einem See in den Birkenwäldern von Minnesotta auf und liebt es, mit ihren Hunden dort auf Streifzug zu gehen. Sie paddelt stundenlang im Wasser und hilft ihrem Vater beim Fisch­fang. Freunde hat sie nicht, dafür ist sie in ihren neuen Geschichts­lehrer ein wenig verliebt. Bei einem Schulwettbewerb gewinnt sie außerdem den Originalitätspreis – für ihre Darstellung der Geschichte der Wölfe.

Als am gegenüberliegenden Seeufer eine kleine Familie in ein merkwürdig gebautes Holzhaus einzieht, ändert sich Lindas ruhiges Leben schlagartig: Der Vater, ein Universitätsprofessor, ist kaum da. Die Mutter, eine seiner ehemaligen Studentinnen, ist mit der Einsamkeit dort überfordert und engagiert Linda als Babysitterin für den vierjährigen Paul. Sie spielen am See und im Wald und Linda lehrt ihm alles, was sie mit vierzehn Jahren vom Leben weiß. Doch Paul – zerbrechlich, herrisch und quengelig zugleich – ist ein seltsames Kind, das seinen ganz eigenen Weisheiten folgt. Dann beginnt er noch seltsamer zu werden und in Linda keimt zunehmend die Sorge, dass er ernsthaft krank sein könnte. Pauls Mutter reagiert merkwürdig und zieht sich mit ihm von Linda zurück. Und dann taucht der Vater wieder auf…

Ein Buch über die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Nähe,
über Verantwortung und das Wesen der Schuld. Poetisch, atmos­phärisch, herzzerreißend, packend.
Im Berlin Verlag um spannende 22,70 Euro.

Michael Hugentobler
Louis oder der Ritt auf der Schildkröte

Eine unglaubliche und wagemutige Lebensgeschichte, die höchstes Lesevergnügen bietet und uns auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhunderts mitnimmt:

Hans Roth ist kleinwüchsig, geradlinig im Charakter und hellwach im Verstand. So erkennt er früh, dass ihm die Zukunft in seinem Bergdorf wenig bieten kann und geht nach Paris. Dort wird er der Diener einer Schauspielerin und erfindet mit ihr über Nacht seine neue Identität als Louis de Montesanto. Als solcher zieht er schließlich mit einem Gouverneur nach Perth in Australien. Doch das Dienen fällt ihm zunehmend schwerer und seine wahre Persönlichkeit, die hochnäsig, exzentrisch, aber auch sehr wagemutig ist, tritt hervor. Und so verlässt Louis de Montesanto den Gouverneur und landet über Umwege in einem einsamen Dorf von Aborigines, die ihn in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Er lernt ihre geheimnisvollen Rituale kennen, jagt unermüdlich Warane und verliebt sich in die schweigsame Yamba. Irgendwann wird es ihm jedoch auch hier zu eng und er kehrt nach Europa zurück.

Dort wird Louis de Montesanto schnell zur Sensation. Er wird von Vortrag zu Vortrag gereicht, man fragt ihn nach den „Wilden“ aus und lässt sich vielerorts Geschichten von der exotischen Welt erzählen. Er wohnt im eleganten Savoy, trägt feinen Zwirn und steht Modell für Madame Tussaud & Sons. Aber stammen die unbekannten Worte, die Louis de Montesanto gerne vorträgt, tatsächlich aus der Sprache der Aborigines? Kann es stimmen, dass er auf Riesenschildkröten geritten ist? Und was hat es mit seiner Tochter, die angeblich in Australien lebt, auf sich?

Ein historisches Abenteuer mit feinem Humor und einem herrlich exzentrischen Hauptdarsteller. Eine Entdeckung!
Im dtv Verlag um furiose 20,60 Euro.

Marie Gamillscheg
Alles was glänzt

Ein Roman über eine Schicksalsgemeinschaft im Schatten eines Berges und den Glanz von Ende und Neubeginn:

Seit Jahrhunderten wurde im Berg abgebaut, nun sind seine besten Zeiten vorbei. Und obwohl das Bergwerk stillgelegt ist, tut sich tief in den Stollen etwas. Fast könnte man meinen, der Berg zittert. Zuerst spürt es nur der schweigsame Martin, doch dann merken es alle im Dorf am Fuße des Abbauberges: Die Wirtin Susa, wenn sie im „Espresso“ nachts alleine ist. Der alte Wenisch, ihr letzter Stamm­gast, der darauf wartet, dass seine Tochter aus der Stadt ins Dorf zurückkehrt. Oder Teresa, wenn sie nach dem Klavier­unter­richt im Musikheim innehält und in die Stille lauscht. Sie ist es auch, die dann als erste die Spalten in der Wiese am Fuß des Abbau­berges entdeckt.

Nur Merih ahnt noch nichts. Er ist gerade erst im Dorf angekommen – mit dem Ziel, es mit einem Projekt wieder zu beleben. Doch im Dorf steht alles still und nicht einmal der Bürgermeister hat einen Plan, wie es weitergehen soll. Dann zieht auch noch die Schwester von Teresa in die Stadt und bringt damit das familiäre Gleichge­wicht durcheinander: Wenn eine geht, muss doch die andere bleiben, oder? Aber was, wenn auch Teresa in die Stadt ziehen will? Merih hält inzwischen an seinem Neubeginn fest und macht sich im Dorf auf die Suche nach dem, was glänzt.

Ein Roman über das Glück in einer sich wandelnden Welt, tiefschürfend, klar und poetisch erzählt.
Im Luchterhand Verlag um untergründige 18,50 Euro.

 

Emily Fridlund. Eine Geschichte der Wölfe

Emily Fridlund. Eine Geschichte der Wölfe

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